Wie fängt man es an, eine Predigt zu schreiben?

Und wo fängt man an?

Wenn man wissen will, wie etwas funktioniert, nimmt man es auseinander. Man zerlegt z.B. eine Dreigang-Nabenschaltung oder schraubt sein Laptop auf. Es gibt Anleitungen, damit man beim Auseinandernehmen nichts kaputt macht und hinterher auch alles wieder richtig zusammensetzt. Übertragen auf die Predigt bedeutet das: Eine Homiletik hilft dabei, zu verstehen, was eine Predigt ist und wie man sie schreibt, indem sie die Predigt dekonstruiert. Sie bleibt einem (landes)kirchlichen bzw. praktisch-theologischen Konsens verpflichtet, damit die Dekonstruktion in eine Synthese mündet, die man im gemeindlichen Alltag gebrauchen kann.

Ausgegangen werden soll von der Arbeitshypothese, dass die Predigt die Form ist, die im Laufe der (Kirchen-)Geschichte der Missionsbefehl Lukas 10,9 angenommen hat: „sagt ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen“. Predigt soll hier definiert werden als Verkündigung der Nähe des Reiches Gottes, nicht als Verkündigung des Evangeliums oder der Guten Nachricht. An dieser Stelle soll als Argument genügen, dass letzteres den größten Teil der Bibel, den Tenach nämlich, ausschließt.

Die Ankündigung, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, geschieht in der Bindung an einen Text, den man sich nicht ausgesucht hat: die Perikope des Sonntags. Predigt ist also nicht freie Rede über ein frei gewähltes Thema, sondern Auslegung eines vorgegebenen Textes im Rahmen eines durch das Proprium des jeweiligen Sonntages vorgegebenen Themas.

Also beginnt eine Predigt damit, dass die Predigerin sich den vorgegebenen Text aneignet und daraus theologisch etwas lernt. Predigen bedeutet also nicht Nacherzählen eines Textes mit eigenen Worten, nicht freies Assoziieren, Verfremden oder einen sonstwie gearteten künstlerischen – oder im weitesten Sinne kreativen – Umgang mit dem Text. Predigen bedeutet theologisches (Weiter-)Arbeiten. Denn „Theologie“ ist nicht die Kenntnis des Katechismus oder der loci der Dogmatik. Es ist die Fähigkeit, vom Glauben zu sprechen und den Glauben in eine ganz bestimmten Lebenssituation (Kasualie), zu einem ganz bestimmten Anlass (Proprium des Sonntags) sprechen zu lassen.

Predigen beginnt bei der Frage, was ich aus diesem vorgegebenen Text theologisch lernen kann, d.h. was er mit meinem Leben zu tun hat, was er mir „sagt“. Das setzt voraus, dass die Predigerin nicht der Meinung ist, sie sei – z.B. nach abgeschlossenem Theologiestudium und Vikariat – „fertig“ und wisse das Wesentliche, was man zum Verfassen einer Predigt wissen müsse. Vielmehr muss die Predigerin sich gemäß Ps 1,2 als Entdeckerin verstehen, die darauf aus ist, etwas Neues aus dem Text zu erfahren.

Erst, wenn sie weiß, was dieses Neue ist, kann sie eine Predigt schreiben.

Deshalb kann eine Homiletik nicht mit Tipps zum Schreiben beginnen. Sie muss vielmehr damit beginnen, wie man – mit dem Bild von 1.Kor 9,24 im Hinterkopf, anatomisch nicht korrekt – die Muskeln des Gehirns lockert, damit gerade ein scheinbar altvertrauter Text neu entdeckt werden kann.

Advertisements

Jeder Bibeltext stellt ein Schibboleth für die Übersetzerin dar: Sie muss sich entscheiden, ob sie möglichst wortgetreu wiedergibt, was im Urtext steht, oder ob sie die Worte und Bilder aus biblischer Zeit in unsere übertragen will. Beides zusammen geht nicht, weil sich die Gedanken- und Bilderwelten von damals und heute gravierend unterscheiden.

Was spricht für eine wortgetreue, was für eine zeitgemäße (= aussagegetreue) Übersetzung?

a) Eine wortgetreue Übersetzung behält die originalen Metaphern bei, lässt sprachliche, rhetorische, historische Besonderheiten erkennen. Sie gleicht einem hervorragend restaurierten und präparierten Exponat im Museum, mit dessen Hilfe man in eine weit zurückliegende Zeit eintauchen und sich ein Bild davon machen kann. Allerdings ist ein solches Exponat nicht aus sich heraus verständlich: je mehr man über die Epoche und Hintergründe weiß, desto mehr verrät es der Betrachterin, während jemand ohne das entsprechende Wissen oft ratlos davorsteht oder es missversteht. Eine wortgetreue Übersetzung lässt also einen wichtige Schritt der Übersetzung aus: Sie überlässt die Aufgabe, den Text in unsere Jetztzeit zu über-setzen, der Leserin – die i.d.R. damit völlig überfordert ist, weil sie nicht die Sprachkenntnisse und das Hintergrundwissen der Übersetzerin besitzt. Was dieser Text für ihre Gegenwart bedeutet, ob er ihr etwas zu sagen vermag oder einfach nur ein Relikt vergangener Zeiten ist, muss die Leserin selbst entscheiden bzw. bleibt völlig offen. Durch die Fremdheit der Sprache entsteht ein großer Abstand zum Text; er bleibt, trotz der scheinbaren Übersetzung, Geheimnis. Das schützt ihn vor Vereinnahmung, erschwert aber auch die Aneignung und birgt die Gefahr, dass man den Text wie ein Artefakt behandelt, dessen Welt und innerer Logik man sich ein- und unterordnen muss, um ihn verstehen zu können. Der Zeitaufwand, der für die Beschäftigung mit dem Text aufgewendet werden muss, ist sehr hoch. Eine wortgetreue Übersetzung eignet sich daher für eine eingehende Auseinandersetzung mit einem Text, z.B. bei einer Bibelarbeit, nicht aber für ein einmaliges Hören wie bei der Lesung im Gottesdienst.

b) Eine Übertragung in die heutige Zeit legt die einzelnen Lexeme des Textes, die jeweils einen breiten Bedeutungsraum haben, auf den von der Übersetzerin angenommenen “Sitz im Leben“, auf die von ihr gefundene Aussage und Bedeutung fest. Die Leserin muss sich darauf verlassen, dass die Übersetzerin etwas von dem versteht, was sie tut, und dass sie weiß, was sie tut. Eine gelungene Übersetzung in die Alltagssprache lässt vergessen, dass es sich bei der Bibel um uralte Texte handelt, von denen uns ein “garstiger Graben” (G.E. Lessing, Über den Beweis des Geistes und der Kraft) trennt, den wir nicht überspringen können. Bei aller Sorgfalt der Übersetzung, allem Wissen, Einarbeiten und Einfühlen in den Text ist eine Übersetzung immer eine Interpretation, die seine ursprüngliche Aussageabsicht mehr oder weniger verfehlt, weil sie an ihre jeweilige Zeit gebunden ist. Mit Walter Benjamins Worten: (Quelle: http://www.tate.org.uk/research/publications/tate-papers/10/time-lines-rilke-and-twombly-on-the-nile, auf Deutsch: Walter Benjamin: Die Aufgabe des Übersetzers. In: ders. Gesammelte Schriften Bd. IV/1, S. 9-21. Frankfurt/Main 1972, S. 19f.)

Interessanterweise ist sie aber auch umso stärker und ergreifender, je intensiver die Übersetzung den Text mit der Jetztzeit vermittelt. Dabei unterstellt sie, dass der Text, der in einer bestimmten Zeit für eine bestimmte Situation und ggf. auch Person formuliert wurde, ein Kunstwerk darstellt, das zeit-, situations- und personenübergreifend Menschen ansprechen und berühren kann. Bestärkt wird sie dabei von den Sammlern und Redakteuren der biblischen Texte, die von genau dieser Auffassung getragen waren. Dadurch wird die Übersetzung selbst zu einer Nachdichtung oder Neuschöpfung: zu einem Kunstwerk, das auf das Original bezogen bleibt, nun aber für sich steht.

Zu einer Übertragung in die Jetztzeit gehört eine gehörige Portion Mut. Die meisten Theologinnen sind keine Altphilologinnen; sie beherrschen das Griechische oder Hebräische nicht wie ihre Muttersprache, nicht einmal wie ihr Englisch, Französisch oder Russisch. Mühsam stoppeln sie sich die Bedeutung des Urtextes mit Lexikon und Grammatik zurecht und sind froh, wenn das Ergebnis einigermaßen Sinn ergibt und nicht zu weit von Luthers Übersetzung abweicht. Dabei hat an diesem Punkt, der oft mühsam genug zu erreichen war, noch gar keine Übersetzung stattgefunden, sondern eine bloße Übertragung von Vokabeln aus einer Sprache in die andere. Der eigentliche Übersetzungsaufwand besteht darin, die Bedeutungsräume der Begriffe zu ergründen und herauszufinden, welche konkrete Bedeutung hier gemeint ist. Das griechische Wort λόγος (logos) kann vom “Wort” über die “Geschichte” bis zur “Angelegenheit”, “Sache” oder “Sinn” alles mögliche bedeuten. Erschwerend kommt hinzu, dass das Johannesevangelium Gottes Sohn als λόγος bezeichnet, das Wort also auch eine mythologische Metapher ist, die zudem Parallelen in der zeitgenössischen Gnosis hat. Andererseits gibt es, besonders im Hebräischen, Vokabeln, die nur ein einziges Mal vorkommen und deren Bedeutung man sich erschließen muss; manchmal muss da selbst das Wörterbuch passen. Angesichts solcher Schwierigkeiten ist es nur verständlich, dass die meisten Theologinnen nach dem Studium das Griechische und Hebräische für immer ad acta legen – froh, diesen Klotz am Bein los zu sein.

Ich glaube aber, es ist nicht nur Resignation vor dem Aufwand der Übersetzung, der scheinbar in keinem Verhältnis zum Nutzen steht, wo es doch Bibelübersetzungen wie Sand am Meer gibt. Vielmehr scheint es sich mir um das mangelnde Zutrauen in die eigenen philologischen und theologischen Fähigkeiten zu handeln. Ich jedenfalls fühlte mich stets überfordert angesichts der Unmengen an Literatur, die in den wissenschaftlichen Kommentaren zu AT und NT verarbeitet worden waren. Erst ganz allmählich, ermutigt durch die Zürcher Bibelkommentare und die angelsäschsische theologische Literatur, traute ich mich, selbst zu übersetzen, eigene theologische Entscheidungen zu fällen und sie zu veröffentlichen. Ich empfinde diesen Blog als wunderbare Möglichkeit, meine theologische Sprachfähigkeit zu trainieren; wenn sich dann noch jemand die Mühe macht, meine Texte zu lesen oder gar darauf zu reagieren, kann sogar eine theologische Auseinandersetzung daraus entstehen. Nur wenige finden meine Texte. Darauf kommt es auch nicht an. Wichtig ist, dass man den Schritt der Veröffentlichung geht: einen Gedanken so formuliert, dass er stehen bleibt und bedacht werden kann.

Theologinnen müssen bei der Übersetzung beide oben skizzierten Schritte gehen, a) und b). Aber das bedeutet nicht, dass man vor einem Übersetzungsversuch alle infrage kommende theologische Literatur zu diesem Thema konsultiert haben muss. Es kommt vielmehr darauf an, es überhaupt zu versuchen, a) den Text in seiner historischen Situation wahrzunehmen und zu verstehen und b) diese Wahrnehmung und dieses Verständnis des Textes in die zeitgenössische Sprache zu übertragen. Die dabei entstehenden Fragen wird man nicht alle auf einmal beantworten können. Aber mit jeder Vokabel, die man nachschlägt; mit jedem Begriff, dessen Bedeutungsraum man auszumessen versucht; mit jeder Information zu Geschichte, Lebensweise, Kultur wächst das Verständnis.

Die Offene Bibel bietet eine gute Möglichkeit, diese ersten Versuche zu wagen. Mit der Studienfassung (hier: a) und der Lesefassung (hier: b) bietet sie sowohl die Möglichkeit, wortgetreu zu übersetzen, als auch, eine wortgetreue Übersetzung in eine zeitgemäße Sprache zu übertragen – sogar, ohne den Bauer oder den Gesenius aus dem Regal ziehen zu müssen.
Ich würde mich freuen, wenn sich mehr Kolleginnen und Kollegen trauten, eigene Übersetzungen vorzulegen und neue Metaphern für alte Texte zu probieren.
Und noch mehr freute ich mich, wenn dieses theologische Denken in kleineren oder größeren Essays wie diesem hier münden und anderen per Blog zur Verfügung gestellt würde!

Die Idee, eine Basis_Homiletik zu schreiben, entstand aus der Reflexion meiner eigenen Predigtarbeit, aus dem Erleben der Predigten von Kolleginnen und Kollegen und der Anregung einer Theologiestudentin, dass es keine Homiletik gäbe, die schlicht und einfach erklärte, wie man zu einer Predigt kommt. Daher war der Titel “Basis_Homiletik” anfangs tatsächlich im Sinne von “basics” gedacht, wie z.B. die O’Reilly-Titel “… für Dummies”. Doch im Grunde muss man für das Schreiben einer Predigt – neben der Theologie – nicht viel mehr wissen als Kurt Tucholskys “Ratschläge für einen schlechten Redner”[1]. Überspitzt gesagt, reicht sein Schlusssatz: “Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.”

Das Schreiben selbst kann man kaum lehren – Schriftstellerinnen haben weitergegeben, wie sie mit ihren Schreibproblemen und -blockaden umgegangen sind, das kann man nachlesen. Aber eigentlich hilft nur üben.
Doch die Frage der Studentin bezog sich nicht so sehr auf die Technik des Schreibens, sondern vielmehr auf das Problem, von einem Bibeltext zu einer Predigt zu kommen. Wie bringt man einen 2.000 Jahre alten Text dazu, Menschen heute anzusprechen? Der Versuch, eine Antwort auf diese Frage zu finden, hat mich immer grundsätzlicher werden lassen. Inzwischen ist aus der Basis_Homiletik im Sinne der “basics” tatsächlich der Versuch einer Grundlegung der Predigt geworden.

Ich gehe aus von dem reformatorischen Axiom:
Die Predigt des Wortes Gottes ist das Wort Gottes
und will versuchen, zu zeigen, dass dieser Satz wahr ist.
Ich behaupte, dass der Sinn von Predigt nicht darin besteht, Satzwahrheiten zu produzieren, sondern dass es in der Predigt um eine personifizierte Wahrheit geht: die Realpräsenz des Wortes Gottes, die sich “in, mit und unter” (so die lutherische Formel der Realpräsenz Christi in den Elementen des Abendmahls) dem Wort der Predigt vollzieht. Dabei begreife ich die Predigt nicht als den Monolog (und damit die Leistung) einer Person, sondern als ein (Kunst-)Werk, das gemeinsam von der Predigerin und der Hörerin hergestellt wird. Das bedeutet, die Worte der Predigt sind nicht nur die Elemente, in denen das Wort Gottes real präsent ist; sie sind zugleich auch das Material, aus dem die “eigentliche”, unsichtbare Predigt entsteht, die nur im Moment des Gehaltenwerdens existiert. Die geschriebene Predigt ist so etwas wie eine Puppe, aus der die eigentliche Predigt im Moment des Gehaltenwerdens im Gottesdienst schlüpft.

Ich meine, wenn diese Zusammenhänge hinreichend geklärt sind, ergeben sich die praktischen Konsequenzen darauf quasi von selbst. Was auf jeden Fall noch bedacht werden soll ist, ob und wie ein solches Predigtmodell mit dem Web 2.0 kompatibel ist. Immerhin setzt es ja die Form eines Gottesdienstes und das Zusammenwirken mindestens zweier Personen – der Predigerin und der Hörerin – voraus. Lassen sich daraus Bedingungen, Hinweise für Gottesdienste und kirchliche Verkündigung im Web 2.0 ableiten?

__________
[1] http://www.textlog.de/tucholsky-schlechten-redner.html

Der Untertitel “ein ‘book in progress'” ist ernst gemeint und ist Programm. Tatsächlich versuche ich, “öffentlich” ein Buch zu schreiben. Angeregt dazu hat mich Gerald Fricke, der den Begriff der “Webgesellschaft” prägte und sie beschreibt als “als einen offenen Assoziationsraum für Akteure und Handlungen, die auch die Chance einer globalen Subpolitik von vernetzten Akteure[n] der “Weltrisiskogesellschaft” bietet. Pointiert gesagt: Kommunikatives Handeln stiftet Sozialkapital und ermöglicht neue Zusammenarbeiten, vernetzt durch das Web.” [1]

Ich bin dem Internet ins Netz gegangen, weil ich neugierig bin auf Neues, Unbekanntes. Weil ich das Gefühl habe, an einer Revolution der Kommunikation teilzunehmen und es spannend finde, die Irrtümer und Irrwege des Anfangs mitzuerleben und selbst mitzumachen.
Ich bin als Theologe ins Netz gegangen, weil ich an die Macht der “stories” (Dietrich Ritschl) glaube und weil Gerald Fricke genau auf eine solche story zurückgreift, wenn er im Kolophon zu seiner Vorlesung “Das nächste Web ist emphatisch” erklärt: “Durch Empathie, Offenheit und Zusammenarbeit im sozialen Web unterstützen wir im besten Falle die ‘öffentliche Sache’ (res publica) – dafür brauchen wir neue Konventionen, einen neuen Gesellschaftsvertrag: Wie werden wir im nächsten Web Beziehungen pflegen, Wissen teilen, Ideen verbreiten, zusammen arbeiten oder unser Mittagessensfoto ‘teilen’? Diese Geschichte der kooperativen Webgesellschaft müssen wir selbst erzählen.” [2]

Ich habe Lust, an dieser Erzählung mitzuarbeiten, sie mit zu entwickeln. So kam es zur Idee, ein Buch kollaborativ zu schreiben – Menschen, die sich für das Thema interessieren, einzuladen, ihre Einwände, Kommentare, Korrekturen dazu zu formulieren. Niemand ist wirklich originell; unsere Arbeiten zehren vom Nachdenken, von den Ideen anderer; wir stehen, sozusagen, auf ihren Schultern. Im akademischen Betrieb wird solcher Rückgriff auf Arbeiten anderer durch Zitate und Fußnoten kenntlich gemacht. Weit wichtiger als die Verarbeitung der Gedanken anderer finde ich jedoch die Ideen, auf die sie mich bringen. Das sind gar nicht unbedingt die Fachkolleginnen, das kann vom Zeitungsartikel über den Roman, vom Tweet über den Blogpost vieles sein, und gerade diese Pluriformität “gibt” mit das Internet.

Bisher scheint mein Projekt ein Fehlschlag zu sein: 221 Klicks hat es bis dato (Ende Juli 2014) gegeben, und zwei Kommentare. Vielleicht bleibt es dabei – warum sollte unter den abermilliarden Seiten des Web gerade mein Blog Interesse finden? Vielleicht verliert sich aber doch die eine oder der andere hierher, schaut ab und zu mal vorbei, wie es so weitergeht, oder steigt bei einem Gedanken, einem Kapitel, in eine Diskussion ein – wer weiß? Man braucht, gerade im lichtschnellen Internet, Geduld, um das Internet zur Webgesellschaft zu entwickeln. Auch diese Seite will dazu einen Beitrag leisten – ob sie es tut, wird sich zeigen.

__________
[1] http://blog.wi2-tubs.de/twitter-facebook-und-die-webgesellschaft/
[2] http://geraldfricke.wordpress.com/2014/05/26/das-nachste-web-ist-emphatisch-meine-vorlesung-zur-webgesellschaft/

(Heinrich Bullinger, Confessio Helvetica Posterior, 1562/1566)
[Zit. bei Locher, Gottfried W., Praedicatio verbi dei est verbum dei. Ein Beitrag zur Charakteristik der Theologie Heinrich Bullingers, in: Zwingliana 10 (1954-58), S. 47-57, S. 50, Anm. 7]

Die Predigt des Wortes Gottes ist Gottes Wort. Dieser prägnante Satz Heinrich Bullingers sagt viel über die Predigt aus.
Die Predigt ist Predigt des Wortes Gottes. D.h. die Predigt ist Auslegung eines vorliegenden Textes, nämlich (einer Perikope oder eines Satzes) der Bibel.
[Die Bibel ist hier in bestimmter Weise aufgefasst, nämlich als Wort Gottes. Dies ist eine übliche, aber keineswegs selbstverständliche und naheliegende Prädikation der Bibel. Indem sie als “Wort Gottes” bezeichnet wird, ist ein Schritt der Ab- und Ausgrenzung vollzogen worden: Ein unbeteiligter, quasi neutraler Zugang ist damit ausgeschlossen. Für eine Nichtgläubige kann die Bibel nicht Wort Gottes sein. Zwar wird sie in der Bibel vielfache Hinweise auf Gottes Wort entdecken; Bibelstellen, in denen Gott selbst als Redender vorgestellt ist. Aber der gesamte Text der Bibel wird sich ihr nicht als Wort Gottes erschließen. Bei unbefangener Untersuchung erweisen sich die biblischen Bücher als von Menschen erdachte und geschriebene Werke (in wie weit Gottes Heiliger Geist an der Entstehung der biblischen Schriften beteiligt war, ob die Bibel gar als ganze inspiriert ist, darüber gibt es unterschiedliche, einander widersprechende Positionen. Wir gehen hier davon aus, dass der Glaube an die Verbalinspiration der Schrift nicht nötig ist, um die Bibel als Gottes Wort aufzufassen. Im Laufe der Darstellung wird dies begründet werden). “Wort Gottes” wird die Bibel erst und nur für den glaubenden Menschen, der sie als solche ansieht und anerkennt.]

Die Predigt ist Auslegung, d.h. der Predigende bedient sich beim Erarbeiten einer Predigt auf der Grundlage eines biblischen Textes der Werkzeuge, die von der klassischen und der modernen Philologie entwickelt und bereitgestellt wurden und werden. Um diese Werkzeuge zur Erschließung des Bibeltextes nutzen zu können, muss der Predigende auf Abstand zum Text gehen. Er muss die Position eines Außenstehenden einnehmen, der vom Glauben nichts weiß, um den Bibeltext zunächst als Text wie jeden anderen ansehen zu können.
Ist denn diese Distanzierung nötig? Da die Predigt nicht Auslegung des Bibeltextes, sondern des Wortes Gottes ist (also des Bibeltextes, mit den Augen einer Gläubigen betrachtet), ist sie die Rede einer Glaubenden an Glaubende, d.h. die Predigt findet innerhalb eines Zirkels statt. Warum sollte man diesen Zirkel verlassen, wenn man sich anschließend doch wieder hineinbegibt?
Weil nur so sichergestellt werden kann, dass die Predigt tatsächlich Gottes Wort verkündigt und nicht die Ansichten und Meinungen des Predigers, der Gemeinde oder der Kirche. Die größte Versuchung für die Predigerin, zugleich die größte Gefahr für die Predigt, ist das Wissen. Das Wissen, das aufhört, zu fragen und zu zweifeln, und das deshalb nicht mehr zuhört, weil es ja bereits weiß. Das komplizierte Instrumentarium der Philologie und der umständliche Rückgriff auf die alten Sprachen Hebräisch und Griechisch, in denen die Bibel verfasst wurde, dienen letztlich dazu, zunächst eine Entfernung und Entfremdung zum Text der Bibel herzustellen, damit er als Anrede an Predigerin und Gemeinde gehört werden kann.
Die Arbeit mit den Werkzeugen der Philologie ist nicht ohne Frustration für die Predigerin. Nicht nur ist es mühsam, sich den Text von Grund auf zu erarbeiten – gerade, wenn man ihn schon gut kennt. Vor allem ist es mühsam, Gelerntes und Gewusstes ständig zu hinterfragen, einen Gedanken noch einmal neu zu denken, ein Problem, das man für sich schon gelöst hatte, noch einmal zu lösen. Zudem ist es eine undankbare Arbeit, weil von all dieser Mühe am Ende nichts in der Predigt auftaucht. Die Gemeinde ahnt und erfährt nichts davon, wie viel Zeit und gedankliche Anstrengung in der Predigt steckt – je leichter und selbstverständlicher eine Predigt daherkommt, desto mehr Vorarbeit ist erfahrungsgemäß nötig. Die Gemeinde soll auch nichts davon erfahren. Wer will beim Brötchenkauf schon wissen, was der Bäcker alles tun musste, damit das Brötchen rösch und duftend in der Auslage liegt. So interessiert sich auch die Gemeinde nicht dafür, welche exegetischen Bemühungen und Entdeckungen zur Predigt führten. Denn es geht nicht um die Predigerin, sondern um das Wort Gottes, das die Gemeinde hören muss.

Das führt zur nächsten Frage: wohin legt die Predigerin den Bibeltext aus? Die Antwort gibt der zweite Teil von Bullingers Satz: Die Predigt ist Gottes Wort. In der Predigt, so stellt es der Satz vor, wird die Hörerin gleichsam direkt von Gott angesprochen. Sie hört Gottes Wort, als spräche Gott sie persönlich an. Die Auslegung legt also das Bibelwort so aus, dass es die Hörerin hier und jetzt anspricht. Die Predigt ist Anrede an die Hörerin, ja, eigentlich – trotz ihres monologischen Charakters – noch mehr: sie ist ein Gespräch mit der Hörerin. Wie ein solches Gespräch funktioniert, wenn nur die Predigerin spricht, werden wir an anderer Stelle sehen. Hier sei zunächst darauf hingewiesen, dass viele Redeformen nicht zu einem Gespräch führen oder anregen. Dazu gehören alle Arten von Vorträgen, die von der Warte einer, die es besser weiß als die Hörerin, vorgetragen werden. Wieder erscheint das Wissen als Hemmschuh und Hindernis der Predigt. Eine Auslegung, die den Hörer im Hier und Jetzt ansprechen will, muss also mehr sein als ein Vortrag, eine Rede, in der jemand anderen sein Wissen präsentiert. Vor allem muss sie bedeutend weiter gehen: Sie muss die Empfindung, die die Worte der Bibel bei ihren zeitgenössischen Hörerinnen oder Leserinnen weckten, im Hörer jetzt und hier hervorrufen. Das kann nur gelingen, wenn der Prediger selbst sich dem Bibeltext als Gottes Wort so ausgesetzt hat, dass er davon bewegt, angerührt, getröstet wurde – oder verunsichert, hinterfragt, überführt. Ohne dass der Predigttext für den Prediger in dieser Weise aktuell wird, kann er es nicht für die Hörerin werden. Das Wort Gottes muss durch den Prediger hindurchgegangen und ihn in seinem Alltag, seinem Leben betroffen haben, damit es die Hörerin erreichen kann.
[Diese kategorische Formulierung muss sofort korrigiert werden. Dass die Predigt für den Hörer zu Gottes Wort wird, kann der Prediger in keiner Weise bewerkstelligen. Er kann, streng genommen, gar nichts dafür tun, dass Gottes Wort den Hörer erreicht – außer, ihm nicht im Weg zu stehen. Dass die Predigt beim Hörer als Gottes Wort “ankommt”, ist ausschließlich und allein Sache des Geistes Gottes. Überspitzt formuliert: Gottes Wort kann den Hörer selbst dann erreichen, wenn der Prediger das Telefonbuch vorliest. Doch gleichzeitig muss der Prediger alles in seinen Fähigkeiten Liegende dafür tun, dass seine Worte den Hörer als Gottes Wort erreichen – so, als hinge die Wirkung der Predigt allein von ihm ab. Dieses Paradox können wir hier noch nicht auflösen.]

Warum soll ausgerechnet die Empfindung geweckt werden? Das hat damit zu tun, wie Glaube “funktioniert”. Die Aufgabe der Predigt ist, ganz allgemein gesagt, das Gespräch über den Glauben. Glaubende stärkt die Predigt, spricht ihnen das Wort zu, das sie brauchen, hinterfragt sie aber auch, wenn sie es hören können, hält ihnen Gottes Willen vor, wo sie auf ihrem eigenen Willen beharren. Die Predigt wendet sich aber auch an Nichtglaubende, an Menschen, die am Glauben (ver)zweifeln oder glauben möchten, aber es nicht können. Sie spricht die Predigt auf ihre Ängste und Fragen, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte so an, dass den Nichtgläubigen deutlich wird, dass sie Gott am Herzen liegen, dass Gott mit ihnen ins Gespräch kommen möchte. Der Glaube hat also mit der Gegenwart Gottes in meinem Leben zu tun. Diese Gegenwart kann ich, auch als glaubender Mensch, weder wissen noch wahrnehmen; es gibt keine “Beweise” von Gottes Existenz und Gegenwart, weder auf philosophischem, noch auf physikalischem Weg. Argumente können nicht von Gott überzeugen, und Gottes Spuren lassen sich materiell in dieser Welt nicht feststellen. Wir sind daher auf einen “dritten Weg” (an)gewiesen: eben den der Empfindung. Die Zusage der Vergebung, der Rechtfertigung erreicht mich nicht als Information, dass mir vergeben, dass ich gerechtfertigt sei. Selbst wenn sie mir zugesprochen wird, muss erst etwas in mir darauf antworten, damit ich sie mir gesagt sein lasse. Erst die Empfindung bestätigt, dass das mir Zugesprochene gilt und tatsächlich auch mir gilt. Die Empfindung ist hier nicht gemeint als ein “gutes Gefühl”, als “Erleuchtung” oder als Flucht in eine “Innerlichkeit”. Dazu, die Zusage der Vergebung – oder auch Schuld – zu empfinden, muss man sich oft durchringen, einen Widerstand überwinden, der dieses mir zugesprochene oder mich überführende Wort für mich nicht gelten lassen will. Frühere Zeiten haben versucht, diesen Widerstand mit Gewalt zu brechen, oder mit einem Übermaß an Zuwendung und Liebe. Beide Extreme nehmen dem Hörer die Freiheit der Entscheidung, die für den Glauben notwendig ist. Das Ziel der Predigt muss daher sein, der Hörerin diese Freiheit zum Glauben oder Unglauben zu lassen. Die Frage ist, ob wir der Empfindung dieselbe heuristische Fähigkeit zuerkennen können und wollen wie Kognitionen und Materialitäten. Dazu später mehr.

Ein erster Blick auf Bullingers Wort hat gezeigt, dass dieser so einfach scheinende Satz ein Bündel an Fragen und Problemen aufwirft, die es zu bedenken gilt. Bevor wir uns diesen Fragen zuwenden, werden wir uns des unlösbaren Dilemmas bewusst, das dieser Satz birgt. Karl Barth hat es so formuliert:
“Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.” (Karl Barth, das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, München 1925)
[An diesem Ausspruch Barths wird deutlich, warum das Gebet ein elementarer Bestandteil jeder Predigtvorbereitung ist. Im Grunde ist die gesamte Predigtvorbereitung als ein Gebet aufzufassen, das unser Sollen und Nicht-Können vor Gott bedenkt.]
Mensch und Gott sind durch einen “garstigen Graben” [so Gotthold Ephraim Lessing, der diesen garstigen Graben auf die Bibel bezog] getrennt; wir sprechen vom “Diesseits” und “Jenseits”, um diese trennende Kluft zum Ausdruck zu bringen. Aber Barth meint noch mehr: Unsere Unfähigkeit, etwas über Gott auszusagen, die nicht so sehr ein Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten oder -mitteln ist, sondern vielmehr die Unmöglichkeit bezeichnet, etwas von Gott zu wissen. Gewiss, die Bibel erzählt viel über Gott. Doch was die Bibel erzählt, gleicht dem, was ein Biograph über einen Menschen schreibt: wer dieser Mensch in Wahrheit ist, kann die Biographie nur andeuten. Es bleibt die Möglichkeit des Irrtums und des Widerspruchs. Ebenso ist es mit der Bibel. Sie spricht die Wahrheit über Gott, aber sie tut dies aus der Perspektive von Menschen, die Kinder ihrer Zeit waren. Es bleibt die Möglichkeit des Irrtums und die Tatsache, dass zwar wir an das Wort der Bibel gebunden sind, wenn wir etwas von Gott wissen und aussagen wollen, dass aber Gott nicht an die Bibel gebunden ist. Gott hat sich dem Volk Israel gegenüber in einem Bund und uns gegenüber in Verheißungen festgelegt. Aber er lässt sich nicht darauf festlegen, wer er ist und wer er sein wird.
Von uns zu Gott führt kein Weg, keine Brücke; nur von Gott zu uns. Aber auch Gott teilt sich uns nicht so mit, dass wir mit Gewissheit sagen könnten: Hier ist Gott. Jede Rede von Gott, selbstverständlich auch diese, ist und bleibt riskant. Sie geschieht auf die Gefahr hin, sich um Kopf und Kragen zu reden. Denn ob wir recht von Gott geredet haben, wird sich erst zeigen, wenn Gott uns nach dem, was wir geredet haben, beurteilen wird (Matthäus 12,36). Dann wird sich erweisen, ob wir uns für das, was wir von Gott behaupteten, schämen müssen oder gar Strafe zu gewärtigen haben. Mit dem Maß, mit dem wir maßen, werden wir gemessen werden (Lukas 6,38).

Was passiert, wenn man ein Kunstwerk ansieht?

Unsere Wahrnehmung hat einen visuellen Schwerpunkt – Fernsehen ist unsere hauptsächliche Freizeitbeschäftigung. Die Zeitung hat heute viel mehr Fotos als früher. Bei den Social Media werden vor allem Bilder gezeigt und weitergereicht. Selbst auf Twitter, ursprünglich ein reiner Text-Dienst, steigt der Anteil an Fotos, Bildern und Grafiken kontinuierlich an.

Die Bilder, die wir im Fernsehen, in den elektronischen Medien konsumieren, nehmen wir meistens nur für Augenblicke war. Sehen bedeutet zur Kenntnis nehmen. Die Bilder huschen, rauschen vorbei. Die Werbung hat sich darauf eingestellt, indem sie ihre Botschaften sehoptimiert: innerhalb von Sekundenbruchteilen wird das Wesentliche, das die Werbung uns mitteilen will, wahrgenommen. Unter dieser (antrainierten) Sehgewohnheit leidet die Kunst. Denn wie wir Fernsehen “zappen”, auf dem PC klicken und auf dem Tablet und Smartfone wischen, so konsumieren wir auch Kunst: Wir “zappen”, klicken, wischen von einem Bild zum nächsten. Da haben nur Bilder eine Chance, die ihre Botschaft so schrill, so deutlich oder so aufregend transportieren, dass wir hinsehen, oder Bilder, die unseren Sehgewohnheiten entsprechen, die wir “schön” finden. Alles andere versinkt im Hintergrundrauschen.

So kommt es, dass Menschen vor moderner Kunst stehen und sagen: Das könnte ich auch, oder: Das ist doch keine Kunst, weil sich das Bild nicht auf den ersten Blick erschließt. Bilder, die der Betrachterin Widerstand entgegenbringen, haben es schwer. Aber Kunst, wenn sie denn ernsthafte Kunst ist und nicht nur dekorativ, wird es der Betrachterin schwer machen, weil es ja eine neue Weise ist, die Wirklichkeit zu sehen und darzustellen, etwas nie Dagewesenes, Unerblicktes. – Nicht als Ganzes, das gelingt nur selten. Sondern in Details, die erst als fremd entdeckt, erkannt werden müssen.

Das Auge der Betrachterin gleitet an den meisten Bildern ab. Sie sieht nur, was sie kennt; das findet sie schön. Die Mehrzahl der Bilder, die sie sieht, empfindet sie nicht als schön, sie gefallen ihr nicht, sie geht über sie hinweg. Wie mit den Bildern, so ist es auch mit den Menschen: nur wenige gelten als schön; über die meisten gleitet der Blick hinweg. Die meisten Menschen erleben, dass die Blicke der anderen nicht an ihnen hängen bleiben. Deshalb ist das Flirten so aufregend: weil man da erlebt, dass man angesehen wird, dass man sich zeigt und die andere, der andere eine wahrnimmt. Zum Verlieben gehört, dass man den geliebten Menschen schön findet, gern ansieht. Wenn man sich darüber Rechenschaft gibt, warum man den anderen Menschen schön findet, dann sind es in aller Regel nicht die Proportionen, die Eigenschaften, die z.B. von der Mode als “schön” gesetzt werden. Selbst, wenn man vorher ganz klare Vorstellungen hatte, wie man sich einen anderen Menschen vorstellt: im Augenblick des Verliebens gelten diese Maßstäbe nicht mehr. Ein liebender Mensch sieht die Geliebte mit anderen Augen.

Jetzt ist die spannende Frage: Ist dieser Blick nicht mehr realistisch, ist er nicht mehr objektiv? Bevor sie sich verliebte, hätte dieser liebende Mensch die Geliebte in einem Katalog wahrscheinlich überblättert; sie wäre ihr kaum aufgefallen. Nach den gesellschaftlich geltenden Kriterien, die wir für objektiv halten, sind die meisten Menschen nicht perfekt, nicht schön. Aber wer bestimmt, was schön ist? Kann das wirklich die Entscheidung einer Mehrheit sein? – So scheint es zu sein: Wir ordnen uns dem Diktat der Modezeitschriften und des Fernsehens unter; was sie uns als schön präsentieren, das halten wir für schön. Aber eine Künstlerin legt andere Maßstäbe an. Weil sie sich in das, was sie darstellt, sozusagen verliebt: sie bringt Mitgefühl auf für das, was sie darstellt, sie kriecht irgendwie hinein, sie wendet Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedanken, Gefühle an das, was sie darstellt. In ähnlicher Weise geht es uns mit dem Menschen, den wir lieben: auch für sie bringen wir Aufmerksamkeit auf, konzentrieren uns auf sie, denken über sie nach, spüren ihr nach, fühlen etwas, wenn sie nahe ist und wenn sie fehlt. Schönheit entsteht also nicht durch eine Definition (wenn es auch Gesetzmäßigkeiten für Schönheit gibt wie den “Goldenen Schnitt”) und nicht durch das Votum einer Mehrheit, sondern dadurch, dass ich Energie für etwas, für jemand aufwende. Eine Energie, die über bloßes Schauen, bloßes Interesse hinausgeht. Eine Energie, die man auch Liebe nennen kann. Die Liebe, die ein Gegenstand, ein Menschen in mir entfacht, lässt mich seine, ihre Schönheit entdecken. Wohlgemerkt: Es, sie wird nicht schön durch die Liebe, so, als würde man durch eine rosa Brille sehen oder wie das Sprichwort sagt: Liebe macht blind. Sondern die Energie der Liebe lässt mich Zeit aufwenden für das, was ich betrachte – das Ding, den Menschen. Mehr als Zeit: lässt mich offen sein für das, was mir begegnen wird. Ich weiß diesmal nicht schon vorher, was ich sehe, sondern lasse mich überraschen – und werde überrascht und belohnt für meine Aufmerksamkeit durch die Schönheit, die ich entdecke.

Das bedeutet dann aber: alles ist schön, oder sagen wir besser: alles hat eine Schönheit, die man entdecken kann. Jedes Ding und jeder Mensch. Es gibt keine hässlichen Menschen. Natürlich lässt sich feststellen, ob ein Mensch einem Kriterium, dass man an sie anlegt, entspricht, z.B. einem bestimmten Body-Mass-Index, ob ihr Gesicht, ihr Körper einer bestimmten Konvention, bestimmten ästhetischen Regeln folgt oder nicht. Alles ist definiert und festgelegt. Unreine Haut gilt als hässlich, ebenso unregelmäßige oder verfärbte Zähne, ein unsymmetrisches Gesicht, eine bestimmte Augen- oder Haarfarbe; Muttermale, Blutschwämme, Narben können einen Menschen entstellen. Aber das sind keine objektiven Kriterien, das sind Konventionen. Die Liebe allein bestimmt, was schön ist.

Jesus spricht immer wieder davon, dass Gott die Liebe ist. Gott, von dem die Bibel sagt, dass er die Menschen geschaffen hat. Gott hat uns die Vielfalt mitgegeben, die sich in der Menschheit ausprägt: die Vielfalt der Haut-, Haar- und Augenfarben; die Vielfalt der Sprachen, der Figuren und Körperformen, der Bewegungsabläufe. Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder Mensch ist auf ihre einzigartige Weise schön. Diese Schönheit ist da, sie muss nicht erst bewiesen oder bestätigt werden. Sie ist da, weil Gott jede einzelne von uns liebt und damit unsere Schönheit weckt. Durch Gottes liebevollen Blick auf uns, Gottes Konzentration, Aufmerksamkeit, Gottes Gedanken und Gefühle für uns sind wir schön. Diese Schönheit ist da, und sie wird entdeckt, wenn uns ein anderer Mensch mit Gottes Augen anblickt: liebevoll.

Kehren wir zum Bild zurück, z.B. zu einer Kinderzeichnung. Kinderzeichnungen gelten gemeinhin als unvollkommen: Sie bilden die Wirklichkeit nicht “richtig” ab, sondern sind noch sehr unbeholfen, plump. Man erkennt deutlich, dass das Kind den Stift, die Farbe, den Raum des Blattes noch nicht beherrscht. Die Fläche wird ziemlich willkürlich gefüllt; die Linien sind mehr zufällig geworden als bewusst so gezeichnet. In gleicher Weise sind die Farben danach ausgesucht, welcher Stift gerade in der Nähe lag, und nur Bekanntes bekommt die “richtige” Farbe: der Himmel ist blau, das Gras ist grün, die Sonne gelb. Trotzdem finden Eltern und Großeltern die Bilder ihrer Kinder schön – obwohl sie deren Defizite sehen und erkennen. Sie finden sie schön, weil sie das Kind lieben, das es gemalt hat, und deshalb etwas sehen, was die flüchtige Betrachterin nicht sieht. Wenn man Kindern beim Zeichnen oder Malen zusieht und Empathie für sie empfindet, Liebe in dem Sinne, dass sie einer das Herz anrühren: dann ist man fasziniert von ihren Bildern, entdeckt unglaublich schöne Formen, nie gesehene Farbkompositionen, aufregende Linien, spannende Sujets.

So ist es auch beim Hören auf den Predigttext. Wenn ich ihn nur wegzappe, wegklicke, wegwische, werde ich seine Schönheit [die muss definiert werden: Schönheit ist die Transparenz auf das Wort Gottes hin] nicht erkennen. Ich muss ihm Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedanken, Gefühle – – – Liebe widmen, damit sich mir erschließt, was flüchtigem Lesen verborgen bleibt.

So ist es auch beim Hören der Predigt. Ist es mir wichtig, dass mir die Predigerin gefällt, dass sie mir sympathisch ist? Traue ich ihr zu, dass sie mir etwas zu sagen hat, oder meine ich, sie wäre mir intellektuell nicht gewachsen, weil sie z.B. kein akademisches Studium absolviert hat? Wenn ich mich auf die Predigt nicht so einlassen kann, dass ich bereit bin, ihr meine Aufmerksamkeit, meine Konzentration, meine Gedanken und Gefühle, meine – – – Liebe zu schenken, werde ich das Wort Gottes in diesem Gottesdienst nicht zu hören bekommen. Denn Gottes Wort hat sich nicht an die Predigerin gebunden, sondern an die Predigt. Es ist für die Wirkung des Wortes Gottes gleichgültig, ob die Predigerin nett oder garstig, schön oder hässlich, klug oder dumm, mir sympathisch oder unsympathisch, meine Freundin oder meine Feindin ist. Das Wort Gottes wirkt durch die Predigt unabhängig von der Würdigkeit der Predigerin. Aber damit es mich erreichen kann, muss ich bereit sein, es von diesem Menschen anzunehmen bzw. bereit sein, von diesem Menschen abzusehen. Darum tragen Pastorinnen einen Talar: damit ihr äußeres Erscheinungsbild möglichst der Predigt nicht im Wege steht. Aber die Predigerin kann nicht alles von sich aus tun. Sie kann – und soll – sich nicht völlig zurücknehmen. Sie hat eine charakteristische Art zu predigen, sie hat ihre Stimme, ihre Sprechgewohnheiten. Die Hörerin muss ihren Teil dazu beitragen, indem sie versucht, die Predigt liebevoll anzuhören, wenn sie Gottes Wort hören will.

Predigen ist eine Kunst. Jede, die sich zum ersten Mal an die Aufgabe macht, eine Predigt zu schreiben, wird diesem Satz zustimmen. Darin drückt sich der Respekt vor der Herausforderung aus, eine Predigt zu schreiben und anschließend im Gottesdienst zu halten. Wenn das Predigen eine Kunst ist, heißt das auch, dass es dabei etwas Überschießendes gibt, etwas, das sich nicht in reiner Technik erschöpft – etwas vielleicht, das man gar nicht erlernen kann, sondern “haben” muss, wie eine Künstlerin eine Begabung hat. In der Tat könnte es so scheinen, dass zum Predigen eine bestimmte Begabung – das neue Testament spricht vom Charisma, einer Gabe des Heiligen Geistes – nötig ist. Wenn Predigen tatsächlich eine Kunst ist, wären alle diejenigen vom Predigen ausgeschlossen, die dieses Charisma, dieses “gewisse Etwas” nicht besitzen und die deshalb – weil es nicht erlernbar ist – nie Predigerin werden können. Wie auch nicht jeder Mensch eine Künstlerin ist.

Man kann diesem Satz auch widersprechen: Predigen ist  k e i n e  Kunst. Auch dafür werden sich Befürworterinnen finden, sogar aus den Reihen der Predigenden selbst. Mit dem Attribut “Kunst” sind die meisten Predigten überfordert – und die meisten Predigenden wären es auch, müssten sie jeden Sonntag ein Kunstwerk abliefern. Predigten sollen und wollen nicht “schön” sein, “gelungen” oder “stimmig” – oder welche Attribute noch man einem Kunstwerk zuschreiben will. Predigten sind überhaupt keine Literatur im engeren Sinne, ihre Schriftform ist nur die Puppe, aus der dann auf der Kanzel die Predigt schlüpft, die nur als Rede und nur im Moment des Vortrages existiert. Gottes Wort ist in der Predigt in ähnlicher Weise existent wie der Leib und das Blut Christi beim Abendmahl: In, mit und unter Brot und Wein ist Christus im Augenblick des Genusses gegenwärtig, lehrte Luther. So ist auch die Predigt Wort Gottes in, mit und unter dem Predigen – vorher ist sie ein bloßer Text, und hinterher auch. Die Predigt existiert eigentlich nur als gesprochenes Wort. Die gedruckten Predigten, die man in Sammelbänden oder im Internet nachlesen, in manchen Gemeinden nach dem Gottesdienst mitnehmen kann, sind theologische Traktate, keine Predigten (“Postillen” nannte man sie früher). Erst, wenn sich jemand ihre Worte aneignet und sie wieder zur Sprache bringt, werden sie wieder zur Predigt, die aus der Puppe des Textes schlüpft; in, mit und unter deren Worten Gottes Wort hörbar wird.

Noch ein weiteres Argument spricht dagegen, eine Predigt als Kunst(werk) zu bezeichnen: Im Alltag einer Pfarrerin ist die Zeit, die sie sich für die Predigt nehmen kann, meist äußerst knapp bemessen und selten an ihren kreativen Phasen orientiert. Pfarrerinnen haben kaum Zeit und Gelegenheit, ihre Predigt so zu gestalten, wie eine Künstlerin das mit ihrem Werk tun kann. Allzu oft entstehen Predigten unter Zeitdruck, müssen in letzter Minute geschrieben werden, Samstag Nacht oder sogar Sonntag, frühmorgens vor dem Gottesdienst. Auch unter solchem Druck kann manchmal ein Kunstwerk entstehen – aber das ist dann Zufall, keine Absicht. Das Predigtschreiben und -halten ist – anders als das Kunstwerk für die Künstlerin – nur eine von vielen Aufgaben, die eine Pfarrerin erledigen muss, und je nach Veranlagung nicht unbedingt die mit der höchsten Priorität.

Warum auch sollte Predigen eine Kunst sein, warum sollte man die Predigt und die Predigerin mit einem solchen Anspruch überfordern wollen?

Weil die Kunst und das Kunstwerk eine andere Art von Denken erfordern als z.B. ein wissenschaftlicher Text. Die theologische Ausbildung ist eine wissenschaftliche Ausbildung, Theologinnen sind (u.a.) Altphilologinnen, die die alten (“toten”) Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein erlernen müssen, dazu das Handwerkszeug einer Übersetzerin und Interpretin antiker Texte – all das “nur”, um selbst den Text der Bibel verstehen und übersetzen zu können, der ja erst die Grundlage der Predigt bildet. Die nächsten Schritte, das theologische Nachdenken über den Bibeltext und das Schreiben der Predigt, haben mit der Altphilologie nichts zu tun, und das Schreiben der Predigt auch nichts mehr mit der Wissenschaft – im Gegenteil: das wissenschaftliche Denken behindert und blockiert oft den kreativen Prozess des Predigtschreibens. Natürlich kann man eine Rede, wie die Predigt eine ist, systematisch gliedern und logisch aufbauen. Aber dadurch wird sie noch keine Rede. Eine Rede, eine Predigt entsteht erst durch das kreative Element: die Worte, die sie schreibt, sind durch die Predigerin “hindurchgegangen”, sie hat ihnen Leben eingehaucht, indem sie sie mit ihrer Lebenserfahrung, ihren Bildern, Gefühlen, Träumen und Ideen füllte. Dadurch hat sie sich als erste Hörerin selbst den Bibelworten ausgesetzt (so wie Hahnemann, der Entdecker der Homöopathie, die Wirkungsweise der Substanzen zuerst am eigenen Leibe ausprobierte, bevor er sie in verdünnter Form seinen Patientinnen verabreichte). Das ist keineswegs ungefährlich, weil das Wort Gottes die Macht hat, Menschen grundlegend zu verändern. Und die Predigerin hat, indem sie das Wort Gottes in die eigenen Worte, die eigene Sprache kleidet, etwas von sich preisgegeben. (Deshalb tragen Pastorinnen einen Talar: um diese Selbstpreisgabe zu verhüllen. Nur so können sie ganz bei sich bleiben, ohne vor der Gemeinde bloßgestellt zu werden, weil ihre Rolle, ihr Talar sie schützt).

Predigen  i s t  eine Kunst: das will ich hier zeigen. Allerdings in einem anderen Sinn als oben beschrieben: nicht in dem ausschließlichen Sinn, dass nur Begabte Predigerinnen sein können (obwohl es zweifellos eine Begabung zur Rede, zum Predigen gibt). Joseph Beuys hat behauptet, dass jede eine Künstlerin ist. Wir werden sehen, was das bedeutet. Diese Behauptung Beuys’ trifft sich jedenfalls mit der v.a. in der protestantischen Kirche betonten Lehre vom Priestertum aller Getauften.

Predigen ist eine Kunst, weil die Bedingungen, unter denen sie entsteht, denen ähneln, unter denen ein literarisches Werk, ein Kunstwerk entsteht. Eine Predigerin kann deshalb von den Erfahrungen und den Techniken der Künstlerinnen, sie kann von deren Werken lernen – wie auch schon die Beschäftigung mit den Texten der Bibel keine rein wissenschaftliche Arbeit ist, sondern auch etwas von der Wahrnehmung, vom Genuss eines Kunstwerkes hat.

Predigen ist eine Kunst, weil Ziel und Wirkung einer Predigt mit den Kategorien der Ästhetik besser beschrieben werden können als mit dem wissenschaftlichen Vokabular, das wir sonst zu benutzen gewohnt sind – so wenig ich eine Kenntnis der Kommunikationstheorie, der Wahrnehmungs- und Gestaltpsychologie, der Sprechakttheorie für das Verstehen des Predigens in Abrede stellen will. Denn die Predigerin lässt sich mit ihrer Predigt auf den Heiligen Geist ein. Wenn die Predigt Verkündigung des Wortes Gottes sein soll, kann sie das nur mit Hilfe des Heiligen Geistes. Aus sich selbst heraus kann das Predigtwort nicht zum Gotteswort werden, aus sich selbst heraus bewirkt die Predigerin nichts, und wenn sie noch so schöne, treffende Worte findet.

Predigen ist schließlich auch deshalb eine Kunst, weil die Predigerin – wie das Kunstwerk – in einem intensiven Kontakt mit ihren Hörerinnen steht. Deshalb wird die Predigt ja auch “gehalten”: vorgetragen, nicht abgelesen, um in ein geistig-geistliches Gespräch, einen Dialog mit den Hörerinnen einzutreten. Genau wie das Kunstwerk braucht und schafft die Predigt einen Raum, in dem sich etwas ereignet – im Fall der Predigt: das Angesprochenwerden vom Wort Gottes. Die Predigerin bewirkt nicht das Angesprochenwerden, sondern sie stellt mit ihrer Predigt den Raum bereit, in dem sich diese Ansprache Gottes ereignen kann. Sie steht dem Heiligen Geist nicht im Weg.